Whodunit – der Umgang mit Verdächtigen und Tätern

Das FBI veröffentlicht Bilder von Verdächtigen der Bombenanschläge beim Boston Marathon. Und die Medien? Die bringen diese Bilder. Schliesslich hoffen die Behörden auf Hinweise aus der Bevölkerung. Die Medien helfen gerne. Nur: Ist es überhaupt sinnvoll, die Bilder auch ausserhalb der USA, ausserhalb des Grossraumes Boston, zu veröffentlichen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Verdächtigen in St.Gallen oder in Como aufhalten?

Wer die Gesichter der mutmasslichen Täter (es gilt noch immer die Unschuldsvermutung) interessiert, der kann die Bilder wohl ohne grosse Probleme im Internet finden. Doch auch hier wieder: Was ist die Motivation dahinter? Eine mögliche Erklärung ist, dass mit solchen Bildern dem Bösen, dem Unvorstellbaren, ein Geischt gegeben wird. Ähnliche Diskussionen führten wir in der Redaktion übrigens schon bei Anders Breivik.

Bilder und Beschreibungen von Tätern fördern immer auch Vorurteile. War der Täter ein tätowierter Rechtsextremist? Eine Asylsuchende aus dem nordafrikanischen Raum? Spannend wäre folgendes Experiment: Bei allen Straftaten wird Alter, Geschlecht und Nationalität nur noch dann genannt, wenn diese Attribute einen Zusammenhang mit der Tat haben. Ein Raser wird zum Beispiel nicht durch seine Nationalität oder sein Alter zum Raser. Und ob ein Mörder nun 20 oder 35 Jahre alt ist, tut eigentlich nichts zur Sache.

Update: Wie gefährlich es ist, die Bilder und Namen von mutmasslichen Tätern zu bringen, hat sich bei den Anschlägen in Boston wieder einmal gezeigt. Eine der grössten Schweizer Zeitungen hatte einen halben Tag lang nach einem völlig anderen „Täter“ gefahndet. Mit Bild. Und Name. Und auch wenn dieser Artikel nun gelöscht worden ist, ist er über den Cache noch immer auffindbar. Gerne erinnere ich bei dieser Gelegenheit an Richard Jewell.

2 Gedanken zu “Whodunit – der Umgang mit Verdächtigen und Tätern

  1. Sollte in jedem Journalistenhandbuch fett vermerkt werden. Ich teile deine Einschätzung und Forderung an Medienberichte vollumfänglich. Danke!

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