Die schönen Seiten

Ich bin nun seit etwas mehr als zehn Jahren als Online-Journalist tätig. Immer wieder werde ich gefragt, wieso ich nicht in den Print wechsle. Auch jedes Jahr beim Personalgespräch kommt die Frage, wo ich mich in Zukunft sehe. Und ich kann mir – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt – keinen anderen Job vorstellen. Ich will weiter für ein Online-Portal schreiben. Hier einige Gründe für den Journalismus und für den Online-Job im Allgemeinen (Reihenfolge ist zufällig):

1. Ich kann nicht anders. In der Schule war ich nie wirklich ein As. Ok, ich hab in der Mathe die Logik hinter den Gleichungen ziemlich schnell begriffen und habe die Matura (Typ B) geschafft. Aber es war mühsam. Für alle Beteiligten. Ich war zu faul. Ich wollte nicht lernen. Ausser in Deutsch. Dort hatte ich immer gute Noten. Ich schreibe gerne. Der Vorteil als Journalist (etwas übertrieben ausgedrückt): Ich muss nichts wissen. Ich darf Wissende ausfragen und fülle so meine Wissenslücken. Und dann darf ich ganz klugscheisserisch dieses Wissen weitergeben.

2. Das liebe Geld. Ich habe bis zu meinem 30. Lebensjahr gerade mal etwa 2000 Franken im Monat verdient. Es war nicht immer einfach, aber ich hatte meine Freiheiten, da ich immer Teilzeit (Stundenlohn) gearbeitet habe. Seit 2008 arbeite ich beim St.Galler Tagblatt in der Online-Redaktion 100% und verdiene dementsprechend auch mehr. Ziemlich sicher gibt es irgendwo da draussen Jobs, bei denen ich mehr verdiene. Aber würden mich diese auch so glücklich machen?

3. Freiheit. Online-Journalisten sind in der Regel gegenüber den Printjournalisten in einer Redaktion in der krassen Unterzahl. Das mag ein Nachteil für das Produkt sein, aber individuell ist es ein massiver Vorteil. Ich darf alle Arten von Geschichten schreiben. Ein Inland-Redaktor beim Print schreibt über politische Geschichten mit Schwerpunkt Bundesbern. Ein Wirtschaftsredaktor schreibt über Firmen. Ein Sportredaktor über Sport. Ein Arbeitsalltag bei mir: Ich mache ein Interview mit dem Trainer des FC St.Gallen und danach frage ich bei einem Wirtschaftsethiker der HSG noch wegen hohen Abgangsentschädigungen nach. Vielleicht kommt dazwischen noch eine Polizeimeldung, die einer Nachfrage bedarf. Und der Print übernimmt meine Geschichten gerne – egal in welchem Ressort. Das ist vielleicht sogar der Hauptgrund für meine Liebe zum Online-Journalismus. Ich muss mich nicht auf ein Kerngebiet festlegen. Ich bleibe offen. Und ich bin mir sicher, dass zum Beispiel mein fehlendes Wirtschaftswissen kein Nachteil für den Leser ist. Im Gegenteil: Ich kann unbedarft an die Geschichte gehen und mir alle Aspekte von einem Experten erklären lassen. Und dann auch so schreiben, dass die Geschichte auch Leute verstehen, die kein Wirtschaftsstudium abgeschlossen haben.

4. Freiheit II. Im Online-Journalismus wird man häufig nicht wirklich ernst genommen. Zum Glück. Eine gewisse Narrenfreiheit macht unabhängig. Im Journalismus ein wichtiges Instrument. Und Gesprächspartner reden frisch von der Leber weg. Natürlich halte ich mich trotzdem an unsere journalistischen Regeln und lasse die Zitate immer gegenlesen.

5. Ich schreibe – immer. Selbstverständlich gibt es aktuelle Geschichten, die man schnell mal online stellen muss/will. Aber das heisst noch lange nicht, dass damit die Arbeit getan ist. Ich kann die Geschichte ausbauen, neue Stimmen einholen und auch einen Kommentar dazu schreiben. Ich habe all diese Freiheiten. Eine Geschichte muss nie fertig sein. Sie darf sich entwickeln. Halt wie im richtigen Leben. Ich bin also immer näher an der Wirklichkeit, als es jeder Print-Journalist jemals sein kann.

6. Ich muss mich nicht beschränken. Damit meine ich die Zeichenanzahl. Im Print muss man Geschichten häufig zuspitzen und kürzen. Damit geht viel verloren. Im Online habe ich keine Beschränkung und kann Zusatzinformationen einfügen, kann ein langes Interview führen, kann viel mehr Aspekte in eine Geschichte bringen.

7. Ich muss nicht labern. Beim Print muss man häufig in eine vorgegebene Form schreiben. Da sind zum Beispiel 500 Zeichen gefragt. Nun fehlt eine Zeile im Text. Was macht also der Printjournalist? Er reichert den Text mit Füllwörtern an. Der Text wird beliebig. Vielleicht ist am Morgen eine PK zu einer bahnbrechenden Entwicklung in der Rosenzucht angekündigt. Und im Print wird dazu mal vorsorglich ein dreispaltiger Text vorgemerkt. Jetzt ist diese “bahnbrechende Entwicklung” womöglich doch keine so grosse Story. Und das merkt man erst um 20 Uhr. Also wird im Print einfach doch diese Geschichte als wichtig verkauft oder eine Ersatzgeschichte gebracht, die offenbar so unwichtig ist, dass man sie mehrmals verschoben hat oder aus einem anderen Grund nicht bringen wollte. Im Online: Kurzmeldung. Abgehakt.

8. Mut zur Lücke. Ja, im Print ist der Platz für Geschichten beschränkt. Im Online könnte man jede Story bringen. Macht man aber nicht. Vielleicht bringt man mehr. Aber ich schätze den Leser als genug intelligent ein, dass er selbst entscheiden kann, welche Geschichte er haben will. Wir bekommen täglich unglaublich viele Medienmitteilungen. Und wir bringen davon im Online vielleicht zwei-drei täglich. Ist im Print am Abend noch irgendwo eine Lücke, wird einfach eine Mitteilung gesucht, die dann noch dort reinpasst.

9. Ist nix – ist nix. Es gibt solche Tage. Jeder Journalist kennt sie. Da läuft einfach nichts. Also zumindest nichts, das mich als Journalist anspricht. Oder so relevant ist, dass man einfach etwas darüber schreiben muss. Im Online bekommen wir dann genug Meldungen von den Agenturen. Ich muss nicht um jeden Preis eine Geschichte aus leerer Luft konstruieren. Im Online gibt es keine Lücken (siehe Punkt 8).

10. Ich komme in der Welt rum. Damit meine ich nicht nur, dass ich Geschichten aus aller Welt schreiben kann. Meine Geschichten erscheinen online. Können also aus allen noch so fernen Ländern gelesen werden. Klar: Ich mache mir keine Illusionen, dass irgendjemand aus dem nicht-deutschsprachigen Raum die Stories liest. Vielleicht gehen meine Artikel ja nicht mal über die Landesgrenzen hinaus. Das ist auch nicht so schlimm. Ich habe eine grössere Chance, ausserhalb der Ostschweiz wahrgenommen zu werden, als irgendein Print-Journalist beim St.Galler Tagblatt (und wahrscheinlich sogar bei anderen Zeitungen).

Selbstverständlich gibt es noch viele andere Gründe. Zum Beispiel stimmt in meiner Erfahrung das häufig erwähnte Gerücht nicht, dass man sich beim Online keine Zeit für längere Geschichten nehmen kann. Ich kann das. Immer.

3 Gedanken zu “Die schönen Seiten

  1. Pingback: Journalismus und Social Media – eine Frage der Verifizierung !? | socialmediasnack.ch

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